Auszeit - Die Qual der Wahl

 Zwei und ein halber Monat Freiheit! Was tun damit?Wandern, Paddeln, eine Radtour oder was ganz anderes? Wohin und womit? 

Ich ging in mich und prüfte meine Träume und Wünsche. Sollte ich die Zeit nutzen, um weit weg zu reisen und einen anderen Kontinent kennen zu lernen?

 

Aber auch Sorgen und Zweifel kamen nicht zum Erliegen. Was, wenn meine Kinder nicht gut klarkommen? Was, wenn mit meiner Mutter was ist? 



Da ich Hitze, vor allem feuchte Hitze sehr schlecht vertrage und mich Lärm, Enge und viele Menschen sehr strapazieren, wollte ich Regionen wie Indien oder die Tropen lieber bei einer kürzeren Reise kennen lernen. 

Von der Jahreszeit her (Ende April bis Mitte Juli) kam auf der Südhalbkugel nur Australien, eingeschränkt Neuseeland, Südafrika und Teile Südamerikas in Frage, ansonsten USA, Mittelamerika und Europa ohne den Norden oder die Gebirge.

 

 Um die Zeit genießen zu können wollte ich die Sorgen um meine Familie nicht verdrängen und beschloss, in Reichweite, also in Europa zu bleiben, wo  es eher möglich wäre, die Tour notfalls abzubrechen oder für ein paar Tage zu unterbrechen um zu Hause nach dem Rechten zu sehen.

Als nächstes überlegte ich, mit welchem Transportmittel ich reisen will, im Kajak, mit dem Fahrrad oder auf Schusters Rappen? Bei vergangenen Touren fand ich wandern am intensivsten und anstrengendsten, auch bei Paddeltouren taucht man in eine völlig andere Welt. Allerdings erfordern Wandertouren und Paddeltouren nach meinen Vorstellungen einen schönen Weg oder langen Fluss bzw. ein sehr großes Seensystem, mit entweder der Möglichkeit, frei zu zelten oder einem dichten Campingplatznetz, guter Trinkwasserversorgung, relativer Einsamkeit und doch der Möglichkeit, alle paar Tage Lebensmittel zu kaufen, da ich im Kajak zwar notfalls etwa drei Wochen autark sein kann, zu Fuß aber nicht viel länger als drei Tage. Hierfür kam eigentlich überwiegend der Norden Europas in Frage, den ich schon intensiv bereist habe und für den es Ende April zu früh wäre.

Trekking- oder Kajaktouren haben den Nachteil, dass man abseits des Weges oder des Flusses nicht viel sieht und relativ unbeweglich ist. Endlose Latscherei zu einem Laden ist mir von vielen Touren in Erinnerung, Busse die doch nicht fahren, manchmal stundenlang den Daumen in den Fahrtwind vorbeifahrender Autos halten…

Und ich wollte nicht nur Natur haben, schöne Landschaften sehen, sondern auch Muße, vielleicht um mal wieder ein bisschen zu zeichnen, Menschen zu begegnen und Kultur zu erleben. Aus all diesen Gründen sollte es also eine Radtour werden!

 

Als nächstes besuchte ich die Seite Eurovelo - Hola! - welche Möglichkeiten!

Aus vergangen Radtouren konnte ich realistisch einschätzen, dass ich mit Gepäck keine großen Steigungen bewältige. Von den Ländern mit langen, eher flachen Fernradwegen blieben zwei Favoriten übrig: Das Baltikum und Frankreich, da ich diese Länder noch nicht oder kaum bereist habe.

Im Baltikum bot sich der Ostseeküstenradweg über Polen, Litauen, Lettland, Estland, am liebsten nach St. Petersburg und über Russland, Finnland, die Aland-Inseln nach Schweden und über Dänemark zurück. Dafür sprachen Orte wie Kaliningrad, Geburtsort meines Großvaters, das ehemalige Ostpreußen mit der kurische Nehrung  und den Erzählungen meines Großvaters, Gdansk, Riga, Talinn, St. Petersburg, meine seltsame Sehnsucht nach dem Nordosten, meine Neugier auf Russland,  meine lang verschütteten aber reaktivierbaren Sprachkenntnisse aus der Russisch-AG und vor allem: Meer satt!

Dagegen sprach, was ich in Berichten anderer Reiseradler lesen musste: ein Radfahrern gegenüber extrem rücksichtsloser Verkehr mit Langholzlastern selbst auf abgelegenen Pisten, häufigen sehr gefährlichen Situationen durch dichtes Überholen bis hin zu weggerissenen Radtaschen oder Stürzen in den Straßengraben. 

Also Frankreich!

Viel Kartenstudium, viel Googelei und einigen Reiseberichten später steht ein Jahr nach der ersten Idee  der grobe Plan: Start ist in Basel, es geht den Rhein-Rhone-Kanal und die Rhone entlang nach Süden zum Mittelmeer, durch die Carmargue an der Küste nach Westen, entlang des Canal du Midi und des Canal du Garonne über Bordeaux an den Atlantik, an der Küste entlang nach Norden. Wie weit ich komme, weiß ich nicht und es gibt auch kein Ziel, dass ich erreichen will außer dem Atlantik,  noch eine Strecke oder einen Durchschnitt, den ich schaffen will. Zurück fahre ich über die Loire, oder die Seine über Paris, oder den Rhein, oder mit dem Zug oder irgendwie...

Fahre ich allein? Mein lieber Freund und bewährter Copain (wörtlich der mit dem man das Brot teilt), der „Plünnenkreuzer“ startet mit mir in Mühlhausen. Ob wir die ganze Zeit zusammen fahren und zusammen ankommen? Das wissen wir nicht und das ist gut so.

 

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